ZUSAMMENFASSUNG
Die Dolmetschforschung ist seit ihren Anfängen durch den Einfluss verschiedener Disziplinen und deren methodologischen Ansätze geprägt worden. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zeigt sich diese Tendenz auch im Bereich des Kommunaldolmetschens. Obwohl qualitative Forschungsansätze zunehmend mehr als eine Entlehnung methodischer Grundlagen zu erkennen sind, fehlt es an reflexiven und methodenkritischen Diskursen zur spezifischen Anwendung. Vor diesem Hintergrund richtet sich das Hauptinteresse dieser Arbeit auf qualitative Methoden, die in der Dolmetschforschung vorrangig zum Einsatz kommen. Hierzu wurden die breit rezipierten Creswell (2023), Merriam (2018) sowie Gürbüz und Şahin (2018) vergleichend analysiert um jene bei allen drei Autoren theoretisch übereinstimmenden Ansätze herauszukristallisieren. Demzufolge wurde bei der Reduktion die ethnographische und phänomenologische Methode, die Fallstudie, die Inhaltsanalyse, das Narrative Interview und die Grounded Theory selektiert. Das Kernziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu klären, inwieweit die genannten Forschungsansätze adäquat im Kontext des Kommunaldolmetschens eingesetzt werden können. Anhand der Forschungsfrage „Welche Strategien und Praktiken wenden Kommunaldolmetscher an, um mit ethischen Dilemmata und Rollenkonflikten in Asylverfahren umzugehen?“ wird exemplarisch versucht, darzustellen, wie sich die Anwendungsmöglichkeiten qualitativer Ansätze je nach theoretischer Perspektive und Erkenntnisinteresse unterscheiden können. Ausgehend von einem einheitlichen Szenario gilt es zu betonen, dass die unterschiedlichen Ansätze wesentliche Differenzen im Datenerhebungs- und Auswertungsverfahren aufweisen, wodurch der Bedarf an fundierten methodologischen Kenntnissen für den Einsatz qualitativer Forschungsansätze unterstrichen wird. Dieser Beitrag hat zum Ziel einerseits Nachwuchsforschern eine Orientierungshilfe bereitzustellen, und andererseits, einen Anstoß für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen und Diskussionen in diesem Bereich zu geben.
Einleitung
Die Forschungsfelder von Sprache, Kommunikation, interpersoneller Interaktionen sowie Translation zählen seit den frühsten historischen Epochen zu den fortwährend erforschten, sich dynamisch verändernden und vielschichtigen Objekten wissenschaftlicher Untersuchung. Ihr anhaltendes Forschungsinteresse formierte und entfaltete sich stets in der parallelen Entwicklung zur Menschheitskultur, zum technologischen Fortschritt und zu dem daraus wachsenden sprachlichen Bedarf. Angesichts des neuzeitlichen demographischen Wandels und der kontinuierlich zunehmenden globalen Vernetzung scheint es nachvollziehbar, dass Translation eine zentrale Rolle in der Gestaltung zwischenmenschlicher Interaktion innehat. Mit Translation wird die Grundlage der globalisierten Kommunikationslandschaft gebildet, denn von Politik und Kultur über die kommerzielle und medizinische Ebene bis hin zur (Migrations-) Soziologie sowie Technologie, Film-, Musik- und Spieleindustrie gilt Translation als unverzichtbarer Bestandteil zur Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren.
Entsprechend dieser Gegebenheit reflektiert die Translationswissenschaft ihre Entwicklung in der Vielfalt ihrer Forschungsperspektiven. Sie reichen von „den systembezogenen über die textlinguistischen und pragmatischen bis hin zur kognitiven und handlungstheoretischen sowie empirischen Fragestellungen“ (Stolze, 2003, S. 28).
Insbesondere im Zuge des soziologischen Paradigmas ist eine verstärkte Forschungspräsenz auf die teilnehmenden Akteure in der Dolmetschinteraktion zu erwarten. Diese Entwicklung begründet sowohl ein verstärktes wissenschaftliches Interesse an unterschiedlichen Methoden anderer Disziplinen als auch den Bedarf des vermehrten Einsatzes der qualitativen Forschungsmethoden. Vor diesem Hintergrund liegt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf einer detaillierten Darstellung verschiedener qualitativen Forschungsansätze, um die methodenbedingten Herausforderungen sowie ein adäquates Erkenntnispotenzial der qualitativen Forschungsansätze in der Dolmetschforschung systematisch zu reflektieren.
Das Forschungsinteresse dieser Arbeit entspringt einerseits der Beobachtung, dass sowie in zahlreichen anderen Disziplinen auch in der Dolmetschforschung ein zunehmender Einsatz qualitativer Forschungsansätze, insbesondere in postgradualen Studiengängen, verzeichnet wird (Ertugay, 2019, S. 56). Diese Entwicklung lässt sich anhand des wachsenden Anteils der qualitativen Forschungsansätze in den Masterarbeiten und Dissertationen in der Türkei ab dem Jahre 2015 deutlich beobachten. Andererseits besteht in der wissenschaftlichen Debatte die Feststellung, dass trotz einer hohen Anzahl von Veröffentlichungen nur wenige Arbeiten sich mit den einzelnen Prozessen der qualitativen Ansätze tiefgehend auseinandersetzen (Baltacı, 2019, S. 369). Insbesondere im Rahmen der qualitativen Forschungsansätze scheint es an kritischen, diskursiven Arbeiten, die sich mit der spezifischen Anwendung und Adaption qualitativer Methoden innerhalb der Dolmetschforschung auseinandersetzt, zu fehlen (Glynn, 2021; Pöchhacker, 2009; Susam-Sarajeva, 2009).
In Anbetracht dieser Sachlage ergibt sich das zentrale Interesse dieser Arbeit, ausgehend von einem einheitlichen Szenario im Kontext des Kommunaldolmetschens, grundlegende Eigenschaften zentraler qualitativer Methoden zu erarbeiten. Es soll der Versuch unternommen werden, exemplarisch aufzuzeigen, wie die jeweiligen Forschungsmethoden je nach Perspektive und Forschungsfrage angemessen und erkenntnisfördernd anzuwenden sind. Um das Quantum der aus den unterschiedlichen Sozialwissenschaften importierten und für den allgemeinen Wissenschaftsdiskurs adaptierten qualitativen Forschungsansätze einzugrenzen, wurden die zentralen und häufig zitierten Creswell (2023), Merriam (2018) sowie Gürbüz und Şahin (2018) vergleichend herangezogen und auf die sich deckenden Forschungsdesigns - die ethnologische Methode, die phänomenologische Methode, die Fallstudie, das Narrative Interview, die Inhaltsanalyse und Grounded Theory - reduziert.
Mit dieser Arbeit wird beabsichtigt, die Anwendbarkeit und den Nutzen dieser Methoden für die Dolmetschforschung systematisch zu reflektieren und eine fundierte Auseinandersetzung mit den methodischen Herausforderungen sowie den Potenzialen dieser Forschungsansätze zu führen. Dabei soll einerseits ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Methodendiskussion geleistet und andererseits Nachwuchsforschern eine Hilfestellung geboten werden, um die Möglichkeiten der qualitativen Methoden differenzierter erfassen und diese adäquat anwenden zu können.
Interdisziplinärer Methodenimport der Dolmetschforschung
Aus der Entwicklungsgeschichte der Translations- und Dolmetschwissenschenft in Bezug auf die sich stets ändernden Forschungsobjekte sollte festzuhalten sein, dass sich im Laufe der Zeit innerhalb der Dolmetschforschung eine neue Forschungsperspektive profilierte, die ihr Interesse auf die Beziehung der kommunizierenden Parteien richtete. Über die zentral klassischen Formen des Simultan- und Konferenzdolmetschen hinaus verlagerte sich der wissenschaftliche Fokus auch im Zuge des demographischen Wandels sowie der daraus resultierenden Kommunikationsbarrieren als auch durch den interdisziplinären Einfluss der Anthropologie und Soziologie auf die kommunikative, soziolinguistische Forschungsebene, wodurch sich die Sphäre des Forschungsinteresses bezüglich der Dolmetschtätigkeiten auf sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen ausdehnte.
Im Rahmen dieser Entwicklung tritt laut Pöchhacker vor allem die Arbeit von Roy aus dem Jahre 1989 in den Vordergrund, da sie unter Anwendung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden Beweise für das Interagieren des Dolmetschers als aktiven Akteur liefert (vgl. Pöchhacker, 2004, S. 78). Hierfür nutzte sie die diskursanalytische Methode und stellt den Dolmetscher nicht nur als bilingualen und bikulturellen Experten, sondern auch als aktiven Teilnehmer mit Einfluss auf die jeweilige Situation in den Mittelpunkt (Bahadır, 2007, S. 64; vgl. Pöchhacker, 2004, S. 79). Zeitgleich baut Wadensjö ihre Dissertation im Jahr 1992 auf einer diskursbasierten Feldforschung auf, bei der sie sich mit der interaktionsorientierten Perspektive des Diskurses beschäftigt. Wadensjö konzentriert sich auf die Rolle des Dolmetschers in interaktiven Kontexten, wodurch sie die soziale und kulturelle Dimension des Dolmetschens in den Vordergrund hebt. Auf der Theorie Goffmans aufbauend setzt sie sich in ihrer Arbeit mit soziologischen und sozialanthropologischen Rollenbildern auseinander und verweist auf die konstruktiven Unterschiede in verdolmetschten Interaktionen sowie auf den Dolmetscher als Akteur (vgl. Wadensjö, 1993, 1998). Da beide Arbeiten auf der diskursanalytischen Methodik beruhen, postuliert Pöchhacker, dass damit in der Dolmetschforschung das diskursbasierte Paradigma begründet sei, das sich in den 1990er-Jahren durch weitere diskursbasierte empirische Studien in Bezug auf die Machtgefüge, die Sichtbarkeit des Dolmetschers sowie dessen Neutralität weiter entfaltete (vgl. Pöchhacker, 2004, S. 80).
Mit dem Blick auf den Bereich des Kommunaldolmetschens gewannen neben dem Dolmetscher weitere auf den Dolmetschprozess einflussnehmende diverse Settings und Aspekte an Priorität, denn das „Interaktionsgefüge [des Kommunaldolmetschens] birgt gänzlich andere Handlungskonstellationen als etwa der Bereich des Konferenzdolmetschens“ (Pöllabauer, 2002, S. 287). Pöllabauer akzentuiert bezüglich des Kommunaldolmetschens, dass der Dolmetscher in seinem gegebenen Arbeitsfeld das „traditionell überlieferte Rollenbild“ verloren habe und gemäß seiner Funktion „auf die Rolle von Kultur(ver)mittlern ausgeweitet werden“ müsse (ebd.). Aufgrund der sich verändernden Perspektive und der von dem Kontext bedingten differenten Handlungsgefüge fanden soziologische Aspekte und Methoden innerhalb der Dolmetschforschung größere Beachtung. Bahadır führt diesbezüglich in ihrer Arbeit (2007) angesichts der gegebenen Forschungsposition innerhalb der Dolmetschforschung eine „kritische Methodendiskussion“, die auch als ein Plädoyer, das zum Einsatz „neuerer kritischer Ansätze aus der qualitativen Sozialforschung“ aufruft, verstanden werden könne (Bahadır, 2007, S. 91). Mit anderen Worten kann festgehalten werden, dass sich Bahadır für den verstärkten Einsatz qualitativer Studien ausspricht, da ihres Erachtens nach nur so eine angemessene dolmetschwissenschaftliche Forschung im Rahmen des soziologischen Paradigmas möglich wäre (vgl. Bahadır, 2007, S. 92).
Aus dieser sequenziellen Entwicklung heraus sei an dieser Stelle auf die Arbeit „The Map. A Beginner’s Guide to Doing Research in Translation Studies“ von Williams und Chesterman aus dem Jahre 2002 zu verweisen, da diese Publikation als praktischer Leitfaden für Forscher in der Translationswissenschaft zu verstehen sei (vgl. Zanettin & Rundle, 2022, S. 2). In diesem so benannten Leitfaden werden neben den Forschungsfeldern auch Themen wie die Aufstellung der Forschungsfrage, Forschungshypothesen, Datenanalyse und Berichterstattung eingehend erläutert. Williams und Chesterman (2002) unterscheiden außerdem zwischen der konzeptuellen und empirischen Forschung und geben an, dass die empirische Forschung sich hauptsächlich auf die Suche nach Daten und neuen Informationen konzentriere. Im Anschluss stellen Williams und Chesterman die quantitative Forschung der qualitativen gegenüber und zeigen auf, dass die quantitative Forschung vor allem an den Fakten zur Allgemeingültigkeit eines Phänomens interessiert sei, während die qualitative Forschung sich hauptsächlich darauf konzentriert, ein Phänomen in aufschlussreicher Weise zu beschreiben (Williams & Chesterman, 2002, SS. 63-65). In dem Kapitel zur Datenanalysen gehen sie auf Beispiele der empirischen Forschungsmethoden ein und nennen in diesem Zusammenhang die Fallstudie, Korpus-Studie, Umfragestudien (survey studies) sowie historische und archivische Studien (Williams & Chesterman, 2002, S. 65-68).
Dieser bisher dargebotene Querschnitt der forschungsbedingten Entwicklung und das daraus wachsende Interesse an diversen Forschungsansätzen scheint die Behauptung zu gerechtfertigten, dass die Dolmetschforschung durch ein breites und vielschichtiges Spektrum interdisziplinärer Ansätze und Methoden geprägt wurde. Diesbezüglich lässt sich zusammenfassend festhalten, dass durch den Einfluss der Sprach- und Kognitionswissenschaften über die Neurolinguistik und Psychologie bis hin zu den Methoden der Sozialwissenschaften die Dolmetschforschung sich konzeptionelle Werkzeuge, empirische Befunde und diverse Forschungsdesigns zu eigen gemacht hat (vgl. Pöchhacker, 2011, S. 9). Insbesondere aus der Perspektive der sich ab den 90er Jahren abbildenden soziologischen Wende repräsentieren sich die offerierenden Daten in Bezug auf die gewünschten Forschungserkenntnisse hauptsächlich qualitativer Natur, die mit Hilfe von technischen Apparaten nicht sichtbar gemacht werden können (vgl. Mayntz, 2005, S. 8ff). Liu (2011, S. 106) äußert sich in Anlehnung an Pöchhacker diesbezüglich wie folgt;
Dieser Trend des, sozialen Wandels’ (Pöchhacker, 2008, S. 38) bringt einen Aspekt des, qualitativen Wandels’ mit sich (Pöchhacker, 2008, S. 40), da der qualitative Ansatz die Untersuchung von Phänomenen und menschlichen Verhalten in ihrem natürlichen Umfeld betont und dabei die verschiedenen Aspekte dieser Phänomene und Verhaltensweisen berücksichtigt (Liu, 2011, S. 106).[1]
In beweisender Parallelität zu diesem Zitat legt die Arbeit Pöchhackers „Eye to IS: on qualitative research in interpreting studies“ aus dem Jahr 2009 interessante Fakten in Bezug auf den Einsatz qualitativer und quantitativer Forschungsansätzen innerhalb der Dolmetschforschung offen. In seinem Artikel wird aufgezeigt, dass von 60 Artikeln, 28 Arbeiten ihre Forschung auf der Basis quantitativer Daten durchgeführt haben, während 17 Artikel qualitative Daten in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellten. Weitere 15 Arbeiten konstruierten ihr Forschungsanliegen auf quantitativen und qualitativen Daten (Pöchhacker, 2009, S. 78). In seiner Arbeit skizziert er den Forschungstrend zwischen den Jahren 2000 bis 2004, und hebt hervor, dass 30% der Studien ihre Forschung auf der Basis qualitativer Daten konzipierten, während 33 % mit gemischten Daten ihr Forschungsanliegen strukturierten. Anhand dieser Ergebnisse konstatiert Pöchhacker, dass im Gegensatz zu den quantitativen Studien kein spezifischer Anstieg der qualitativen Arbeiten zu verzeichnen sei. Vielmehr sei ein Trend hin zu empirischen Studien, die diese beiden Datentypen miteinander kombinieren,[2] erkennbar (Pöchhacker, 2009, S. 82). Vor diesem Hintergrund unterstreicht Pöchhacker jedoch auch, dass es in der Dolmetschforschung ein breites Spektrum an Methoden erfordert, aber dennoch ein Konsens hinsichtlich des kombinierten Einsatzes mehrerer Methoden wünschenswert wäre (Pöchhacker, 2009, S. 83).
Die Arbeit „Methodology in interpreting studies - A methodological review of evidence-based research“ von Liu aus dem Jahr 2011 stellt neben den Ausführungen Pöchhackers praktisch eine Weiterführung dar, da Liu versucht, einen Überblick des Forschungstrends in der Dolmetschforschung zu geben und Möglichkeiten der methodologischen Präzision in Dolmetschstudien zu diskutieren. Für dieses Forschungsanliegen analysierte Liu 48 Artikel, die im Zeitraum 2004 bis 2009 in der Zeitschrift ‚Interpreting‘ veröffentlicht wurden (vgl. Liu, 2011, S. 85). Liu ermittelte, dass in 26 von 48 untersuchten Artikeln ein qualitativer Forschungsansatz zum Einsatz kam, während 22 Arbeiten einen quantitativen Ansatz bevorzugten. Setzt man mithilfe von Berechnungen dieses Resultat im Vergleich zu den Ergebnissen aus Pöchhackers Untersuchung, so zeigt sich, dass sich die von Liu erfassten Arbeiten, deren Forschung auf qualitativen Daten basieren, auf einen Prozentsatz von 54 % belaufen.
Ein weiterer relevanter Aspekt im Kontext der Thematisierung des sich darbietenden Forschungstrends, ist, dass 10 von 22 quantitativen Studien zusätzlich qualitativen Daten erhoben und analysierten (vgl. Lui, 2011). Anhand mathematischer Operationen ist bei einer prozentualen Gegenüberstellung festzuhalten, dass die gemischten Forschungsansätze im Vergleich zu den Vorjahren einen gerundeten Anteil von 21% ergeben, während sich der Gesamtanteil der quantitativen Studien auf nur insgesamt 25 % beläuft. Dieser errechnete Vergleich lässt die Schlussfolgerung zu, dass im Vergleich zu Pöchhackers Ergebnissen der Anteil der gemischten’ Studien ab dem Jahre 2004 rückläufig ist, währenddessen aber ein Anstieg bei den Untersuchungen, die ausschließlich auf qualitativen Daten basieren, zu beobachten ist.
Liu hält außerdem in Bezug auf die qualitativen Untersuchungen fest, dass in den meisten Arbeiten die Fallstudie als qualitativer Forschungsansatz angewendet wurde, wohingegen in insgesamt nur 7 von 26 Arbeiten neben der Grounded-Theory als angewandte Forschungsansätze auch Kurt Lewins Ansatz der Aktionsforschung, sowie der in der Tradition der Hermeneutik stehende interpretative analytische Ansatz und der Ansatz der historischen Forschung erfasst werden konnten (vgl. Liu, 2011, S. 88).
In Anbetracht des zunehmenden Einsatzes der qualitativen Forschungsansätze scheint sich die Veröffentlichung des Buches „Research Methodologies in Translation Studies“ von Saldanha und O’Brien im Jahre 2014 als gewinnbringend für die Translationswissenschaft zu präsentieren, da die Autoren in ihrem Buch versuchen, die Anwendung verschiedener qualitativer Methoden aufzuzeigen. Hierfür klassifizieren sie die Methoden gemäß dem Forschungsinteresse nach Produkt, Prozess-, Teilnehmer- und Kontextorientiertheit. Sie erwähnen in diesem Zusammenhang, dass insbesondere im Rahmen der teilnehmer- und kontextorientierten Forschung Konzepte und Theorien aus der Soziologie und benachbarten Disziplinen neue sowie produktive Möglichkeiten zum translationswissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bieten könnten (vgl. Saldanha & O’Brien, 2014, S. 150).
Auffällig ist, dass die Autoren im Rahmen der teilnehmerorientierten Forschung einerseits als Forschungsmethode Fragebögen, Interviews und Fokusgruppe aufzählen, währenddessen sie andererseits betonen, dass es bei der Datenanalyse nicht so sehr auf die Quelle der Daten ankäme, sondern darauf, ob die Daten qualitativ oder quantitativ ausgewertet würden (vgl. Saldanha & O’Brien, 2014, S. 151). Diese von Saldanha und O’Brien aufgeworfene Proposition berechtigt zu der Frage, ob nicht unterschiedliche Methoden der Datenerhebung erforderlich wären, je nachdem, ob eine statistische, verallgemeinerungsorientierte Auswertung oder eine auf interpretativer Analyse beruhende Untersuchung angestrebt wird. Das heißt konkret, dass, sofern eine Untersuchung mit dem Ziel durchgeführt wird, Hypothesen zu testen und eine Verallgemeinerung aufzustellen, es sich empfiehlt, Daten zur quantitativen Auswertung zu erheben. Gründet aber das Forschungsanliegen auf der Entwicklung von Hypothesen, der Kontextbeschreibung sowie ein tieferes Verständnis eines untersuchten Phänomens, so ergibt sich die Notwendigkeit der qualitativen Auswertung von Daten, die anhand von Teilnehmern in dem jeweiligen Umfeld erhoben werden sollten.
Saldanha und O’Brien erklären in ihrer Veröffentlichung außerdem detailliert die Vor- und Nachteile, Unterschiede und wesentliche Aspekte in Bezug auf Fragebögen, Interviews und Fokusgruppen. Im Anschluss an die Datenerhebung betonen sie bezüglich des qualitativen Analyseverfahren die Notwendigkeit eines Kodierungsprozesses (vgl. Saldanha & O’Brien, 2014, S. 189). Dabei verweisen sie auf verschiedene methodische Ansätze wie die thematische Analyse, die Inhaltsanalyse oder die Grounded Theory, die gemäß Saldanha und O’Brien für die Datenaufbereitung und -interpretation herangezogen werden könne.
Auffällig scheint, dass die Autoren die Grounded Theory nicht nur als eine qualitative Forschungsmethode, sondern zugleich als ein Instrument der Datenanalyse beschreiben. Eine solche Einordnung scheint jedoch im Widerspruch zu gängigen Definitionen innerhalb der qualitativen Forschung zu stehen (vgl. Creswell, 2023; Gürbüz & Şahin, 2018; Merriam, 2018), insbesondere in Bezug auf die Begriffsbestimmung und methodischen Verortung. In den vielfach zitierten Werken von Merriam (2018), Creswell (2023) sowie Gürbüz und Şahin (2018) wird die Grounded Theory als ein eigenständiges Forschungsdesign bzw. eine umfassende Forschungsstrategie erläutert, die den gesamten Forschungsprozess systematisch strukturiert, jedoch keine isolierte Methode der Datenerhebung darstellt.
Diese sich abzeichnende methodologische Unschärfe verdeutlicht den wiederholt zu Wort gebrachten grundlegenden Diskussionsbedarf innerhalb der Translationswissenschaft. Beispielsweise wies schon Susam-Sarajeva im Jahr 2009 darauf hin, dass bislang bei der Auswahl der Untersuchungsfälle Willkürlichkeit, Repräsentativität und Typizität im Vordergrund stünden, ohne dass die eigentlichen Kriterien substanziell diskutiert würden (Susam-Sarajeva, 2009, S. 54). Außerdem kritisiert sie, dass beispielsweise der Forschungsansatz der Fallstudie ohne ausführliche Diskussion über deren Merkmale und Anforderungen eingesetzt würden, so als bestünde vollkommenes Bewusstsein darüber, welche Inhalte und Bedingungen dieser Forschungsansatz umfasse (Susam-Sarajeva, 2009, S. 54). Im Gegensatz dazu betont 2021 auch Glynn im Rahmen des Methodenimports, den er als „inward movement“ bezeichnet, dass ein erheblicher Erklärungs- und Diskussionsbedarf zur Formalisierung von Forschungsmethoden innerhalb der Disziplin bestehe (Glynn, 2021, S. 6).
In Anbetracht dieser Postulate scheinen die Ausführungen von Zanettin und Rundle aus dem Jahre 2022 von besonderer Relevanz zu sein. Sie verweisen in ihrem Werk einführend auf die oben erwähnte Veröffentlichung von Williams und Chesterman (2002), da dieses Werk als Grundlage für das Buch „Research Methodologies in Translation Studies“ (2014) von Saldanha und O’Brien gedient habe. Dass im Jahr 2022 das Werk von Saldanha und O’Brien (2014) weiterhin als Standartleitfaden (Zanettin & Rundle, 2022, S. 3)[3] definiert wird, scheint auf einen Nachholbedarf in der methodologischen Reflexion innerhalb der Translationswissenschaft zu verweisen.
Einen weiteren Einblick auf die Entwicklung des Forschungstrends innerhalb der Dolmetschforschung gibt auch die Sonderausgabe der Zeitschrift „The Translator“ aus dem Jahr 2023 (Band 29, Nr. 2). Die Zeitschrift bietet eine aufschlussreiche Perspektive auf den aktuellen Forschungstrend und beleuchtet in verschiedenen Beiträgen die vielfältigen Facetten der ethnografischen Forschung in der Translations- und Dolmetschforschung. Marin-Lacarta und Yu (2023) heben in ihren Artikel „Ethnographic research in translation and interpreting studies“ in der erwähnten Zeitschrift hervor, dass eine Entwicklung in Richtung ethnographischer Forschung bedingt sei, da „sich Forscher gezwungen fühlen, das Feld zu betreten, um Akteure, ihre Praktiken und die tatsächlichen Prozesse des Übersetzens und Dolmetschens zu untersuchen, sowie die Interaktionen, an denen sowohl menschliche als auch nicht menschliche Akteure beteiligt sind“[4] (Marin-Lacarta & Yu, 2023, S. 151). Dieser in der Dolmetschforschung zu beobachtende Perspektivenwechsel hin zu einem qualitativ ausgerichteten Forschungsobjekt sowie die daraus resultierende Notwendigkeit einer Anpassung der Forschungsansätze werden anhand einer Reihe von Studien[5] illustriert, die auf die zunehmende Popularität ethnografischer Ansätze in der Dolmetschforschung hinweisen (vgl. Marin-Lacarta & Yu, 2023, S. 151).
In Anbetracht der zeitlichen Progression und Entwicklung ist zu erkennen, dass sich die Dolmetschwissenschaft in einer mannigfaltigen und dynamischen Methodenlandschaft bewegt. Doch wie bereits erwähnt, scheint aufgrund dieses methodologischen Dynamikumfangs eine begriffliche Ungenauigkeit und methodologische Unschärfe innerhalb der Disziplin zu existieren, weshalb der vermehrte Aufruf zu einem Diskussionsbedarf zu vernehmen ist. Angesichts der Forderungen lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Bahadır eine kritische Methodendiskussion führte, während Pöchhacker in Bezug auf das Kombinieren der Methoden das Fehlen eines gemeinsamen Konsenses unterstreicht. Susam-Sarajeva hingegen stellt fest, dass bei der Auswahl von Untersuchungsfällen Willkürlichkeit zu erkennen sei, und dass nicht ausreichend über den Einsatz bestimmter Methoden diskutiert würde. Im Gegensatz dazu spricht sich Glynn im Jahr 2021 weiterhin für den Diskussionsbedarf zur Formalisierung von Forschungsmethoden aus.
Dieses dargestellte Panorama gibt Anlass dazu, sich näher mit den sozialwissenschaftlichen Forschungsansätzen innerhalb der Dolmetschforschung auseinanderzusetzen. Doch aufgrund der Interdisziplinarität und Einfluss unterschiedlicher wissenschaftlicher Traditionen innerhalb der Sozialwissenschaften gestaltet sich eine einheitliche Systematisierung qualitativer Ansätze als nahezu unmöglich (Gürbüz & Şahin, 2018, S. 98; vgl. Held, 2024, S. 23). Creswell verweist in diesem Zusammenhang auf die methodische Vielfalt und führt beispielsweise Tesch an, der im Jahre 1990 achtundzwanzig unterschiedliche Forschungsansätze in vier Hauptkategorien unterordnete, während Miller und Crabtree achtzehn verschiedene Ansätze für die unterschiedlichen Forschungsbereiche des sozialen Lebens klassifizierten (vgl. Creswell, 2023, S. 7). In Anbetracht dieser Sachlage wurden für die vorliegende Arbeit die zentralen Quellen zur qualitativen Forschung von Creswell (2023), Merriam (2018) sowie Gürbüz und Şahin (2018) einander gegenübergestellt, um eine Eingrenzung des Untersuchungsrahmens zu gewährleisten. Während sich Creswell in seinem Leitfaden auf fünf der seiner Meinung nach am häufigsten eingesetzten Ansätze konzentriert (vgl. Creswell, 2023, S. 11), benennt Merriam die für ihn sechs zentralen qualitativen Forschungsdesigns (vgl. Merriam, 2018, S. 21). Gürbüz und Şahin wiederum kategorisieren sieben qualitative Forschungsdesigns in einer schematischen Darstellung (vgl. Gürbüz & Şahin, 2018, S. 99). Trotz dieser unterschiedlichen Klassifizierung wurde bei der Gegenüberstellung, der in den Publikationen erwähnten Forschungsdesigns, eine Übereinstimmung erkennbar: die ethnografische Methode, die Grounded Theory, die phänomenologische Methode, die Fallstudie und die Narrative Analyse. Darüber hinaus scheint aber auch die Inhaltsanalyse eine bedeutende Rolle einzunehmen, sowohl als Forschungsansatz als auch als Datenerhebungsmethode (Gürbüz & Şahin, 2018; vgl. Merriam, 2018). Diese Eingrenzung lässt sich auch durch die Recherche des türkischen Literaturstandes bestätigen. Denn aus diesem geht einerseits hervor, dass die Priorität qualitativer Forschungsansätze in vielen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen kontinuierlich steigt. Andererseits wird dennoch angesichts der Zunahme auch betont, dass insbesondere die ethnographische und phänomenologische Forschungsmethode, die Fallstudie, die Grounded Theory dazu beitragen, Phänomene und Ereignisse in ihrem jeweiligen Kontext tiefgehend zu verstehen, ohne diese aus ihrem sozialen Umfeld loszulösen (vgl. Baltacı, 2019, S. 370).
Die qualitative Forschung hat hinsichtlich der Formierung des Forschungsinteresses, als auch der daraus resultierenden Datengewinnung und -auswertung auch in der Dolmetschforschung kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Demnach ist es angesichts dieser Tatsache und der Forderung eines disziplininternen Konsenses bezüglich der Vielfalt qualitativer Ansätze ein zentrales Anliegen dieser Arbeit, die oben genannten qualitativen Forschungsdesigns im Rahmen der Dolmetschforschung näher zu erläutern. Neben der Darstellung der spezifischen Charakteristika der Forschungsdesigns soll der Versuch unternommen werden, anhand eines Forschungsszenarios die Bedingungen und Forschungsinhalte aufzuzeigen, die gemäß den jeweiligen Forschungsdesigns erfüllt werden sollten. Hierdurch wird beabsichtigt eine Perspektive für den Einsatz qualitativer Forschungsmethoden in der Dolmetschforschung und einen Anstoß für weitere Arbeiten in diesem Bereich zu geben.
Szenario gestützte Untersuchung der qualitativen Forschungsdesigns
Bevor die verschiedenen Forschungsdesigns mithilfe eines Szenarios detaillierter thematisiert werden, gilt es zu betonen, dass mit dem Einsatz von rahmenfixierten Forschungsdesigns die Konzeption eines Forschungsvorhabens notwendig ist. Es sollte von der Forschungsfrage bzw. von dem Forschungsproblem ausgegangen und das darauf basierende jeweilige Forschungsziel definiert werden. Daraus konzeptualisiert sich eine maßgebliche Struktur in Bezug auf die Herangehensweise an das jeweilige Forschungsobjekt. Das bedeutet, dass die Entscheidung für ein bestimmtes Forschungsvorhaben den Rahmen des einsetzbaren Forschungsdesigns bestimmt, was wiederum bedeutet, dass die methodischen Grundzüge der Datenerhebung sowie die anschließende Datenanalyse z. T. vorstrukturiert sind. Das heißt, rahmenfixierte Forschungsdesigns geben den Rahmen vor, wie das Forschungsvorhaben methodisch umgesetzt werden sollte.
Für das anzuwendende Szenario soll ein Forschungsproblem im Kontext des Kommunaldolmetschens dienlich sein. Die Forschungsfrage „Welche Strategien und Praktiken wenden Kommunaldolmetscher an, um mit ethischen Dilemmata und Rollenkonflikten in Asylverfahren umzugehen?“ erscheint als Forschungsszenario angemessen zu sein, da somit eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht wird. Denn je nach dem angestrebten Erkenntnisgewinn kann das Forschungsdesign bzw. ein Forschungsplan festgelegt und operationalisiert werden. Im Weiteren soll nun mit der gegebenen Forschungsfrage die verschiedenen Forschungsdesigns thematisiert werden, um grundlegende Aspekte für deren Einsatz in der Dolmetschforschung aufzuzeigen.
Ginge man davon aus, dass unter Berücksichtigung der gegebenen Forschungsfrage ein tiefgreifendes Verständnis sozialer Praktiken und kultureller Kontexte erzielt werden möchte, so scheint sich die ethnographische Methode als angemessenes Forschungsdesign zu präsentieren. Denn wie auch aus der folgenden Darstellung zu entnehmen ist, ist das Ziel der ethnographischen Methode (EM) die Auseinandersetzung und Beobachtung mit den kulturellen Eigenschaften einer spezifischen Gruppe vor Ort (Tabelle 1).
Die EM untersucht nicht primär die Kulturarbeit, sondern das soziale Verhalten einer Gruppe in ihrem natürlichen Umfeld. Zu den charakterisierenden Eigenschaften des ethnographischen Forschungsansatzes gehört die komplexe und möglichst genaue Determinierung des kulturellen, sozialen Verhaltens einer Gruppe, sowie ein tiefgreifendes Verständnis sozialer Praktiken, kultureller Kontexte, Interaktionsweisen und Entscheidungsprozesse in realen Settings (vgl. Creswell, 2017, 2023; Gürbüz & Şahin, 2017; Merriam, 2018). Im Rahmen des Forschungsszenarios bedeutet dies, dass Rollen und Handlungsweisen von Dolmetschern im gegebenen Umfeld zu erfassen wären. Demnach wären als forschungsrelevante Daten insbesondere die Beobachtung des rituellen, traditionellen und wiederholenden Verhaltens im Feld signifikant. Daraus ergibt sich für die Datenerhebung die Notwendigkeit einer längeren Feldbeobachtung, um das Zusammenspiel und die Interaktionen der beteiligten Akteure, sprich Dolmetscher, Fachkräfte und Auftraggeber bzw. Dienstleistungsempfänger, dokumentieren zu können. Ergänzend können außerdem Interviews geführt werden, um die unterschiedlichen Perspektiven der teilnehmenden Akteure im Rahmen ethischer Konflikte und der Rollengefälle zu erfassen. Im Anschluss werden die erhobenen Daten kodiert und thematisiert, wobei die Analyse auf einer bereits vorhandenen Theorie gründen sollte oder als Grundlage des Kodierung- und Kategorisierungssystem sich auf verfügbare Studien, berufsethische Richtlinien bzw. eventuell vorhandene Gesetzestexte stützen sollte. Gemäß dem konstruierten Forschungsanliegen sollte der Fokus im Rahmen der Kodierung und Thematisierung beispielsweise auf die Situationen gerichtet sein, in denen der Dolmetscher aktiv in eine Entscheidung eingreift oder bewusst neutral bleibt (vgl. Creswell, 2017, 2023; Gürbüz & Şahin, 2017; Merriam, 2018).
Würde aber die Absicht des Forschungsanliegens stärker auf die subjektive Wahrnehmung, das Verständnis über das Empfinden des Dolmetschers in Bezug auf kulturelle Dilemmata und der detaillierten Beschreibung individueller Entscheidungsprozesse abzielen, so scheint sich die phänomenologische Methode als angemessener zu erweisen. Während sich die ethnographische Methode auf die sozialen Strukturen konzentriert, richtet sich die Phänomenologie an die Lebenswelt und der damit verbundenen Erfahrung bzw. an das ‚was‘ und ‚wie‘ des sich in der Lebenswelt jedem Einzelnen Erscheinenden (vgl. Neumann, 1999, S. 16). Gemäß des dänischen Phänomenologen Zahavi liegt die Aufgabe der Phänomenologie nicht allein in der präzisen Beschreibung der Phänomene, sondern in der Erfassung ihrer Erscheinung und deren inneren Struktur (vgl. Zahavi, 2006, S. 310). Von dieser gegebenen Sicht ausgehend, stünde die subjektive Perspektive der Dolmetscher auf die eigene Dolmetschtätigkeit im Mittelpunkt (Tabelle 2).
Das Forschungsziel der phänomenologischen Methode besteht darin, eine umfassende Charakterisierung des Gesamtphänomens auszuarbeiten. Demnach wird in dem „Handbuch Phänomenologie“ (2023) erläutert, dass aufgrund des Forschungsziels die phänomenologischen Ansätze auf Abstand „zu normativen Theorien“ gehen sollten, um sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen (vgl. Alloa et al., 2023, S. 9). Das zentrale Ziel liegt auf der Erfassung des subjektiven Erlebnisses jedes einzelnen Teilnehmers im Rahmen des erlebten Phänomens, und darauf, welche gemeinsamen Erfahrungsmuster sich daraus ableiten lassen (vgl. Creswell, 2023).
Demnach gehört zu der Datenerhebungsmethode der phänomenologischen Methode nicht die Teilnahme oder Beobachtung im Feld, sondern hauptsächlich ein vertiefendes Interview (vgl. Creswell, 2023, S. 79-83). Im Kontext des gegebenen Szenarios bedeutet dies, dass der Interviewleitfaden so konstruiert werden muss, dass die Dolmetscher von einer oder mehreren Situationen berichtet, in der sie einem ethischen bzw. kulturellen Dilemma ausgesetzt waren. Auf diese Weise könnte aufgedeckt werden, welche Rolle Dolmetscher dabei übernommen haben und wie sie ihre jeweilige Handlung in einer ethisch kulturell zwiespältigen Situation wahrgenommen bzw. erlebt haben.
Doch da Interviews auch irrelevante Informationen erhalten, gilt es die erhobenen Daten aufzubereiten, indem sie auf die phänomenspezifischen Aussagen reduziert werden, um diese anschließend kodieren und thematisieren zu können (vgl. Creswell, 2023, S. 195). Das heißt präzisiert auf das Forschungsszenario übertragen, dass im Rahmen der phänomenologischen Methode und dem Forschungsanliegen alle transkribierten Aussagen auf die Erfahrung, Gefühle und Wahrnehmungen bezüglich der kritischen Dolmetschsituation sowie das Verhalten des Dolmetschers in der jeweiligen Situation hin reduzieren werden müssen. An dieser Stelle sei auf Oplatka zu verweisen, der in seiner Arbeit „Elf Fallstricken in der qualitativen Forschung: einige Überlegungen für jeden Nachwuchsforscher und Doktoranden“[6] aus dem Jahre 2022 betont, dass die Transkription der erhobenen Daten nicht lediglich als eine bloße Auflistung von Aussagen in der Auswertungsphase verstanden werden darf (vgl. Oplatka, 2022, S. 15). Anstatt dessen sollen mithilfe der Transkription essenzielle Strukturen, wie wiederkehrende Emotionen z. B. Unsicherheit oder moralische Verantwortung sowie daraus resultierendes Verhalten bzw. angewandte Strategien aus den Daten gefiltert und kodiert werden. Im Zuge dessen könnte hervorgehoben werden, welche Strategien und Praktiken seitens des Dolmetschers genutzt wurden, um die jeweilige prekäre Situation zu bewältigen.
Liegt das Ziel des Forschungsvorhabens aber nicht auf den allgemein angewandten Strategien des Dolmetschers, sondern auf einer spezifischen Situation im Asylverfahren, so könnte die Fallstudie als Forschungsdesign angebracht sein. Angenommen des Falls, dass im Rahmen eines Dolmetscheinsatzes eine besondere Konfliktsituation für eine bestimmte Asylgruppe analysiert werden soll, wäre die Fallstudie anwendbar, da sich die Fallstudie auf ein abgegrenztes System innerhalb eines realen Kontextes konzentriert (Tabelle 3) (Creswell 2023, S. 100, 106-107).
Creswell (2023, S. 106-107) erklärt bezüglich der Fallstudie, dass es ein Ansatz sei, bei dem der Forscher beabsichtigt vielfältige Informationen über die reale Wirklichkeit, ein aktuelles in sich begrenztes System oder Informationen über unterschiedliche Systeme über einen bestimmten Zeitraum hinweg zusammenzutragen. Abgesehen davon mit welcher Quantität an Teilnehmern die Fallstudie durchgeführt wird, ist es ausschlaggebend, dass für das jeweilige Forschungsanliegen ein fallspezifischer Parameter auf eine bestimmte Zeitspanne oder Lokation begrenz wird (Creswell, 2023, S. 100).
Mit der Adaption des gegebenen Forschungsszenarios gilt es demnach festzuhalten, dass der Kontext des Asylverfahrens bereits eine thematische Eingrenzung des Untersuchungsrahmens vorgibt. Eine weitere Präzisierung könnte durch die zeitliche und räumliche Dimension gegeben sein. So könnte beispielsweise die Dolmetschtätigkeit innerhalb einer bestimmten Behörde im Rahmen des Asylverfahrens eine weitere Eingrenzung des Allgemeinen darstellen. Darüber hinaus erweisen sich auch ethische Konflikte im gegebenen Kontext als eine weitere Spezifizierung des gegebenen Falles. In diesem Zusammenhang könnte ein bestimmter kultureller Konflikt oder eine spezifische Dolmetschsituation im Rahmen einer bestimmten ethischen Konvention und Völkergruppe als Untersuchungsobjekt dienen. Konkret ausgedrückt, es sollte eine Untersuchung eines spezifischen Falles angestrebt werden, da der jeweilige Fall für das allgemeine Problem als exemplarisch bzw. besonders aufschlussreich gilt. Im Rahmen der Fallstudie steht nicht die Verallgemeinerung des Phänomens im Fokus, sondern vielmehr die detaillierte Analyse des Einzelfalls im übergeordneten Kontext.
Die Auswahl der Datenerhebungsmethode richtet sich nach dem jeweilig spezifischen Fall und basiert auf der Vielschichtigkeit der Daten durch Beobachtung, Interview, Analyse von Dokumenten oder audiovisuelle Materialien, damit ein tiefgreifender Einblick zu dem jeweiligen spezifischen Fall gegeben werden kann (vgl. Creswell, 2023, S. 100; Susam-Sarajeva, 2009, S. 40). Vor diesem Hintergrund ist es auch erwähnenswert, dass eine detaillierte Kontextbeschreibung signifikant ist, um für die anschließende Datenanalyse ein Verständnis über die relevanten Hintergründe, Bedingungen und Rahmenfaktoren zu präsentieren. Für das Auswertungsverfahren ist wiederum der spezifische Fall des Forschungsanliegens dominierend, denn je nach Spezifikation bedarf es der Kategorisierung und Thematisierung. Um ein angemessenes Kategorisierungssystem aufzustellen, können theoretische Grundlinien oder institutionelle Vorgaben richtungsweisend sein, damit anhand derer die Daten analysiert werden können.
Ähnlich wie bei der Fallstudie und der phänomenologischen Methode steht auch bei dem Narrativen Interview die subjektive Erfahrung einer einzelnen Person im Vordergrund. Doch für das Narrative Interview ist weder der spezifische Fall im Rahmen des Allgemeinen noch das Gesamtphänomen ausschlaggebend. Vielmehr ist es das Ziel, die Erfahrungen der Befragten zu thematisieren und aufzudecken, wie die Befragten sich selbst und ihre Identität wahrnehmen (vgl. Creswell, 2023, S. 73). Im Gegensatz zur Fallstudie ist vor allem die Datenerhebung bei einem Narrativen Interview charakteristisch, da bei der Datenerhebung ein erzählgeneriertes Interview als Instrument gewählt werden muss, um die Daten bezüglich der subjektiven Erfahrung des Befragten erfassen zu können. Laut Hermanns (1995) wird häufig „der Begriff ‚narratives Interview‘ überstrapaziert und für offene Interviews verwendet, in die gelegentlich Erzählepisoden (‚Geschichtchen‘) eingelagert sind“ (Hermanns, 1995, S. 183). Mit anderen Worten gilt es zu betonen, dass bei einem Narrativen Interview eine Erzählung immer einen bestimmten Ablauf eines Ereignisses thematisiert. Es handelt sich bei einer derartigen Erzählung demzufolge nicht um eine Beschreibung, die hervorhebt, welche Einstellung der Befragte zu einer bestimmten Situation hat, sondern um das Erlebte des Befragten (Tabelle 4).
Auf das in dieser Arbeit konstruierte Szenario angewandt, würde es bedeuten, dass der Forscher einen Dolmetscher dazu bewegen sollte, über eine Situation zu berichten, in der er sich wegen eines Rollenkonfliktes oder ethischen Dilemma unsicher war, wie er handeln sollte bzw. welche Strategien er benutzt hat, um in der erlebten Situation angemessen zu handeln.
Außerdem sei festzuhalten, dass mit dieser spezifischen Eigenschaft des Narrativen Interviews das Interview als diktatoriale Datenerhebungsmethode gezählt werden müsste. Aufgrund dessen gilt es als Besonderheit dieser Forschungsmethode auch zu betonen, dass das Schema des Interviews im Vergleich zu anderen Interviewleitfäden nicht gleichermaßen zu konstruieren ist, da es das Ziel sein soll, den Befragten möglichst nicht mit „störenden“ Fragen in seinem Redefluss zu unterbrechen. „Vielmehr wird der Interviewpartner zum ‚Erzähler‘, er erzählt ungestört […] die Geschichte eines selbsterlebten Ereigniszusammenhangs“ (Hermanns, 1995, S. 184). Erst nach dieser Phase ist es möglich, durch das typische Fragen - Antwort - Schema weitere Details zu erfragen und als Daten zu erheben. Da der Befragte während des Gesprächs nicht alle Details im Ganzen chronologisch wiedergeben kann, gehört im Anschluss der Datenerhebung die detaillierte Deskription des Erlebten sowie die Chronologisierung der Erzählung zum Analyseverfahren. Es gilt während der Analyse Wende- und Höhepunkte aufzudecken, die anschließend im Kontext des Erlebten gesetzt und ausgewertet werden sollen (vgl. Creswell, 2023, S. 192-193). Unter Einsatz dieser Methode sollte es im Rahmen des konstruierten Forschungsvorhabens möglich gemacht werden, subjektive Einblicke in die moralische und berufliche Identität des Kommunaldolmetschers im Asylverfahren zu bekommen sowie eine Rekonstruktion der individuellen Entwicklungspfade im Umgang mit kulturellen Konflikten.
Im Vergleich zu den bisherigen Forschungsdesigns scheint sich die Inhaltsanalyse als besonders divergierend darzustellen, da es mithilfe diesem Forschungsdesign möglich ist, qualitative Daten mit quantitativen zu vereinen. Die Inhaltsanalyse zählt neben der Fallstudie zu einer der häufigsten eingesetzten und erwähnten Forschungsdesigns, wobei die Inhaltsanalyse auch vielfach als Analysemethode definiert und angewandt wird. Diesbezüglich weisen Stamann, Janssen und Schreier (2016) in ihrem Artikel „Qualitative Inhaltsanalyse - Versuch einer Begriffsbestimmung und Systematisierung“ darauf hin, dass es „verschiedene Verfahren und Varianten“ der Inhaltsanalyse gibt, jedoch keine einheitliche Definition darüber existiert, „was den Kern qualitativer-inhaltsanalytischer Arbeiten ausmacht“ (Stamann et al., 2016, S. 12). Aber dennoch fassen sie die qualitative Inhaltsanalyse als eine „Forschungsmethode zur Systematisierung und Interpretation von manifesten und latenten Kommunikationsinhalten“ mittels „eines Kategoriensystems“ auf (Stamann et al., 2016, S. 12). Das bedeutet wiederum, dass die Inhaltsanalyse als Forschungsmethode den gesamten Forschungsprozess umfasst und das „systematische Vorgehen“ anhand bestimmter methodischer Regel und von dem „jeweiligen Theoriehintergrund“ geleitet werden sollten, um „sozialwissenschaftlichen Methodenstandards [zu] genügen“(Tabelle 5) (Mayring, 2015, S. 12-13).
Im Rahmen der Inhaltsanalyse unterscheidet Mayring ‚drei Grundformen des Interpretierens‘. Die erste Grundform ist die Zusammenfassung, die „durch Abstraktion einen überschaubaren Corpus“ schaffen soll, um Fakten zu dem jeweiligen Forschungsobjekt zusammenzufassen, während der Erhalt des „Abbild[s] des Grundmaterials“ essenziel ist (vgl. Mayring, 2000, S. 193). Die zweite Grundform ist die Explikation, die „zusätzliches Material“ an fragliche Textstellen heranträgt, um den engeren bzw. weiteren Kontext umfassender zu analysieren. Mit der dritten Grundform, der Strukturierung, sollen „bestimmte Aspekte aus dem Material“ anhand deduktiver Kategorienanwendung herausgefiltert werden (vgl. Mayring, 2000, S. 193). Für Mayring gilt als Grundvoraussetzung, das Datenmaterial auf „seine Entstehungsbedingungen hin“ zu untersuchen, da es „nie vorbehaltlos analysiert werden [könne]“ (Mayring, 2015, S. 32). Daher müssen Fragestellungen, theoretische Hintergründe und implizite Vorannahmen explizit formuliert werden. Inwieweit welches Material für die Datenerhebung genutzt werden kann bzw. wie sich die Analyse des jeweiligen Materials gestaltet, ist von der jeweiligen im Voraus bestimmten und angewandten Grundform der Inhaltsanalyse abhängig (vgl. Mayring, 2000, S. 193). Die Auswertung hingegen darf „nicht bei dem manifesten Oberflächeninhalt stehen bleiben, [sondern] sie muss auch auf latente Sinngehalte abzielen“,[7] da die qualitative Inhaltsanalyse stets von einem mannigfaltigen Sinnesstrukturen modulierten Verstehensprozess beeinflusst wird (Mayring, 2015, S. 32).
Um unter dem Einsatz der Inhaltsanalyse die Frage des Forschungsszenarios beantworten zu können, bedarf es u.a. gemäß dem gegebenen Kontext den Fokus auf die unterschiedlichen Strategien und Praktiken der Dolmetscher zu richten. Geht man als Beispiel davon aus, dass die Grundform der Strukturierung angewandt würde, so bedeutet dies im Rahmen des gegebenen Szenarios, dass beispielsweise unterschiedliche berufsethische Richtlinien, Berichte, Protokolle oder auch Interviews mit Dolmetschern als Datenquelle herangezogen werden, die die relevanten Daten bezüglich des gegebenen Szenarios widerspiegeln. Aus diesem Datenmaterial werden auf der Grundlage der dolmetschwissenschaftlichen theoretischen Ansätze deduktiv Kategorien aufgestellt, anhand derer das erhobene Datenmaterial analysiert und kategorisiert wird. Mit anderen Worten, ein theoretisch aufgestellter „Soll-Zustand“ gilt als Analysegrundlage des erhobenen spezifischen „Ist-Zustands“ der jeweiligen Kommunikationssituation. Demnach ist festzuhalten, dass, wie bereits bei den bisher erwähnten Forschungsdesigns, auch bei der Inhaltsanalyse die Kodierung und Thematisierung der Daten einen unverzichtbaren Bestandteil im Rahmen der Auswertungsphase darstellt.
Neben der Inhaltsanalyse scheint auch die Grounded Theory als ein spezifisches Exemplar unter den rahmenbedingten Forschungsdesigns herauszuragen. Im Gegensatz zu den bisherigen implizierten Forschungsdesigns ist die von Glaser und Strauss (1967) entwickelte Grounded Theory (GT) als ein umfassendes qualitatives Forschungsdesign zu verstehen, dessen Ziel es ist, eine auf qualitative Daten gestützte Theorie induktiv zu entwerfen (Tabelle 6).
Dies bedeutet, dass die GT den gesamten Forschungsprozess als eine zusammenhängende Forschungsstrategie strukturiert, bei der nach einer eingehenden Planung des Forschungsvorhabens Daten erhoben und analysiert werden. Die erhobenen Daten werden dann konzeptualisiert und in Codes zusammengefasst. In einem weiteren Schritt werden die Codes zu Kategorien verdichtet, auf deren Basis dann theoretische Annahmen oder eine neue Theorie entwickelt wird. Daraus folgt, dass bei der GT nicht die Überprüfung von Hypothesen im Vordergrund steht, sondern die induktive Theoriebildung aus erhobenen Daten. Zur begrifflichen Abgrenzung sei darauf hingewiesen, dass im Gegensatz zur GT im wissenschaftstheoretischen Kontext eine Theorie als ein strukturiertes System von Begriffen, Aussagen und Zusammenhängen bezeichnet wird, das Phänomene beschreibt, erklärt und unter bestimmten Bedingungen auch prognostiziert. Mit anderen Worten basiert eine Theorie auf bereits bestehenden Annahmen, die es anhand von empirischen Daten zu überprüfen gilt (vgl. Strübing, 2004, S.60).[8]
Daraus ergibt sich, dass es bei der GT nicht nur „um eine Beschreibung der untersuchten empirischen Phänomene“ geht, sondern vor allem darum, dass aus dem eigentlichen Verfahren heraus erklärt werden soll, „warum ein sozialer Prozess so verlaufen ist, wie er verlaufen ist, [und] warum eine Beziehungskonstellation so beschaffen ist, wie sie beschaffen ist ect.“ (Strübing, 2004, S. 50). Das Hauptaugenmerk liegt auf der Integration der „aus der Analyse […] neu entwickelten Wissens mit dem bereits verfügbaren Bestand an alltäglichem und wissenschaftlichem Wissen“ (Strübing, 2004, S. 50).
Im Rahmen des Forschungsszenarios bedeutet dies, dass ohne vorherigen Hypothesenbildung aufgedeckt werden soll, welche Strategien und Muster der Dolmetscher im Umgang mit ethischen Konflikten und Rollengefällen entwickelt. Ziel ist es Handlungslogiken, die von der Praxis ausgehen, aufzudecken und aus den erhobenen Daten eine gegenstandsbezogene Theorie über das Verhalten von Dolmetscher im gegebenen Kontext abzuleiten. Auf diese Weise soll eine engere Verbindung zwischen der Theorie und den realen Gegebenheiten geschaffen werden.
Für die Datenerhebung wären Interviews mit Dolmetschern, ergänzt durch Gruppendiskussionen, Bild- oder Videomaterialen sowie die Feldbeobachtung in den jeweiligen Institutionen potenzielle Datenquellen. Die erhobenen Daten werden kontinuierlich mit neu gewonnen Daten verglichen, weshalb nicht von einem absolut linearem Forschungsverfahren gesprochen werden kann (vgl. Creswell, 2023, S. 85-91). Für die fortlaufende Theorieanpassung muss die Datengewinnung und die Datenanalyse zirkulär durchgeführt werden, damit anhand zusätzlich gewonnener Daten Wissenslücken geschlossen werden. Aufgrund dieser dynamischen Charakteristik steht im Gegensatz zu den bisherigen Forschungsansätzen im Mittelpunkt der GT ein differentes Kodierungs- und Kategorisierungssystem. Während anhand des offen Kodierens Textpassagen in kleinere Einheiten zerlegt und nach bestimmten musterähnlichen Begriffen kodiert werden, werden bei dem axialen Kodieren Verknüpfungen zu den vorher erstellten offenen Kodes formuliert und somit übergeordnete Kategorien gebildet. Abschließend werden mithilfe des selektiven Kodierens alle Kategorien miteinander in Beziehung gesetzt, woraus die angestrebte gegenstandsorientierte Theorie gebildet werden soll.
Zusammenfassen lässt sich festhalten, dass anhand dieser vergleichenden Betrachtung der unterschiedlichen Forschungsdesigns einerseits aufgezeigt wurde, inwieweit sich die jeweiligen Ansätze voneinander unterscheiden. Andererseits ist verdeutlicht worden, dass ein detailliertes Verständnis für den Einsatz dieser Forschungsdesigns eine grundlegende Notwendigkeit darstellt, um ein methodologisch fundiertes und dem Forschungsgegenstand entsprechendes Forschungsvorhaben konzipieren zu können. Trotz der Tatsache, dass sich die Forschungsdesigns in sich voneinander unterscheiden, ist an dieser Stelle nochmals zu betonen, dass die qualitativen Forschungsmethoden es zum Ziel haben, die individuellen Potenziale zu erfassen, verborgene Strukturen zu analysieren und die Komplexität sozialer Systeme und Entscheidungsprozesse zu untersuchen. Um diesem Ziel Folge leisten zu können, ist es entscheidend, im Vorfeld festzulegen, welche Facette des jeweiligen Forschungsanliegens im Fokus der Untersuchung stehen soll.
Aus der vorliegenden Betrachtung ist anhand des Forschungsszenarios zudem auch hervorzuheben, dass ein und dieselbe Forschungsfrage - je nach gewählter Forschungsperspektive - zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung einer bewussten Auswahl des jeweiligen Forschungsdesigns im Hinblick auf das angestrebte Forschungsziel.
Schlussfolgerung
Anhand des Entwicklungspanoramas der Dolmetschforschung konnte aufgezeigt werden, dass die interdisziplinären Wissenschaftsdiskurse einen essenziellen Einfluss auf die Dolmetschforschung bedingt. Insbesondere um die Rolle und das Handeln der Dolmetscher und weiteren teilnehmenden Akteure innerhalb des sozialen und institutionellen Kontextes zu beleuchten, ist festzuhalten, dass mit der soziologischen Wende der Einsatz qualitativer Forschungsansätze stark zunahm. Allerdings sind in der Literatur im Rahmen des Einsatzes der qualitativen Forschungsmethoden zum Teil Divergenzen zu erkennen bzw. ist die Forderung nach einem gemeinsamen Konsens bezüglich der diversen Ansätze auffällig. Aufgrund dessen schien eine nähere Auseinandersetzung und eine methodische Reflexion in Bezug auf den Einsatz unterschiedlicher qualitativer Forschungsansätze als erforderlich.
Anhand eines Forschungsszenarios wurde vergleichend aufgezeigt, unter welchen Bedingungen verschiedene qualitative Forschungsansätze - darunter die ethnographische und phänomenologische Methode, die Fallstudie, die Grounded Theory, die Inhaltsanalyse und das Narrative Interview - adäquat angewendet werden können. Aus dieser Abhandlung ist festzuhalten, dass jeder dieser Ansätze ein spezifisches epistemisches Potenzial aufweist und entsprechend der Forschungsfrage, des Forschungsobjektes sowie des Forschungsziels ausgewählt werden sollte.
Es zeigte sich auch, dass sich die qualitativen Forschungsansätze nicht nur neben der zu erforschenden Erkenntnisebene, sondern insbesondere auch in den methodischen Verfahren der Datenerhebung und -analyse voneinander differenzieren. Das heißt wiederum, dass das angestrebte Erkenntnisziel maßgeblich die methodische Herangehensweise bestimmt und dabei bereits zentrale Aspekte der Datenerhebung und -analyse vorstrukturiert.
Diese Tatsache unterstreicht die Notwendigkeit, dass der Einsatz qualitativer Forschungsmethoden fundierte methodologische Kenntnisse sowie ein vertieftes Verständnis des jeweiligen Verfahrens erfordert. Nur durch eine reflektierte und theoretisch fundierte Methodenauswahl kann sichergestellt werden, dass der gewählte Forschungsansatz dem Forschungsanliegen angemessen ist und die erhobenen Daten valide analysiert werden. Denn ohne das notwendige Fachwissen über die einzusetzenden Forschungsmethoden wäre zu erwarten, dass eine dem Forschungsanliegen entsprechend adäquate Methodenauswahl verfehlt würde und/oder eine unzureichende Dateninterpretation durchgeführt würde, was wiederum die angestrebten wissenschaftlichen Erkenntnisse erheblich beeinträchtigen könnte.
Mit dieser Auseinandersetzung und vergleichenden Darstellung der diversen Forschungsansätze verfolgt die Arbeit das Ziel, als Leitfaden für Forschende zu dienen, die sich mit qualitativen Methoden in dem Fachbereich des Dolmetschens auseinandersetzen möchten.
Bisher scheint es eine zentrale Aufgabe der Dolmetschforschung zu bleiben, die methodologische Fundierung weiterhin zu stärken, und die durch den Methodenimport zur Auswahl stehenden Ansätze präziser auf die spezifischen Anforderungen der Dolmetschforschung abzustimmen. Auf diesem Wege sollte es erreicht werden, den methodischen Werkzeugkasten der Dolmetschforschung weiterzuentwickeln, um dessen Potenziale effektiv und erkenntnisbringend systematisch nutzen zu können.


